Schreiben für die Demokratie 

Auf dem Netzwerktreffen „Wissenschaftliches Arbeiten lehren und lernen“ am 5. Dezember 2025 haben wir uns mit der Frage beschäftigt, was das wissenschaftliche Arbeiten zur Demokratieförderung beitragen kann. Aus einigen der Vorträge sind im Nachgang Texte entstanden, die wir hier im Blog gerne veröffentlichen.


Der erste Beitrag stammt von Alexey Orlvo1 und Vanessa Gauen2 vom SchreibCenter der TU Darmstadt, welche die Schreibaktion „Schreiben für die Demokratie“ erläutert.

Schreiben für die Demokratie – Eine Initiative des SchreibCenters der TU Darmstadt  

Im Januar 2025 haben wir am SchreibCenter der TU Darmstadt die Initiative „Schreiben für die Demokratie“ ins Leben gerufen. Anlass war nicht nur ein konkreter politischer Beschluss, sondern ein gesellschaftliches Klima, das viele von uns zunehmend beunruhigt hat. Der Migrationsantrag von CDU und CSU, der mit den Stimmen der AfD verabschiedet wurde – einer Partei, die vom Verfassungsschutz in Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird – war ein sichtbarer Ausdruck eines breiteren Rechtsrucks, der sich in Deutschland und international beobachten lässt. 

Wir wollten auf diese Entwicklung mit dem, was wir am besten können, reagieren: mit Schreiben.  

Wir haben unsere Aktion beim 7. Netzwerktreffen „Wissenschaftliches Arbeiten lehren und lernen“ am 5. Dezember 2025 vorgestellt.  

Mit dem vorliegenden Beitrag möchten wir die Gelegenheit nutzen, unsere Initiative noch einmal kurz zu präsentieren. Zugleich berichten wir davon, wie die Vorstellung der Aktion im Rahmen des Netzwerktreffens verlief und wie wir diesen Workshop genutzt haben, um unsere redaktionellen Entscheidungen zu reflektieren. Gleichzeitig konnten die Workshopteilnehmer:innen selbst Texte verfassen und darin ihr eigenes Verhältnis zur Demokratie ausdrücken. 

Warum Schreiben? 

Unsere Idee war bewusst niedrigschwellig: Alle Interessierten konnten (und können weiterhin!) kurze Texte einreichen, in denen sie erzählen, warum Demokratie für sie persönlich wichtig ist. Die Beiträge wurden und werden auf der Homepage des SchreibCenters veröffentlicht. So machen wir sichtbar, wie vielfältig demokratische Überzeugungen, Erfahrungen und Haltungen sein können. Wir wollten den Zugang zu einer schnellen, unbürokratischen Veröffentlichung möglichst vielen Menschen ermöglichen ohne dass wissenschaftliche Abhandlungen verfasst, aufwändige Review-Verfahren eingeführt oder formale Hürden auferlegt werden 

Uns war wichtig, auch Stimmen Raum zu geben, die nicht über die zeitlichen, kulturellen oder ökonomischen Ressourcen verfügen, um akademisch zu publizieren. Demokratie lebt von Vielfalt. Schreiben kann eine Form sein, diese Vielfalt sichtbar zu machen. 

Am SchreibCenter fördern wir neben akademischem Schreiben auch kreatives und biografisches Schreiben. Schreiben in diesem Sinne kann identitätsstiftend und stärkend wirken. Wer über die Relevanz von Demokratie für das eigene Dasein nachdenkt und schreibt, setzt sich nicht nur politisch, sondern auch persönlich mit ihr auseinander: Was bedeutet sie für mein Leben? Für meine Freiheit? Für meine Geschichte? 

Die Bandbreite der Einreichungen 

Die Resonanz war vielfältig. Die Beiträge im Rahmen der Aktion reichten von essayistischen Reflexionen über Aphorismen und Gedichte bis zu Slogans und Ein-Wort-Einreichungen. Eine Autorin unter dem Pseudonym Rollgardina schrieb beispielsweise: 

„Eine Zäsur. 
Seit Wochen lasse ich den Präfaschismus, der wie ein räudiger Straßenköter an jeder Ecke seine braunen Zähne fletscht und die damit verbundene Einstimmung der Welt auf einen Krieg, nur als Übertrag aus dem letzten Jahrhundert an mich heran. Lese Klemperer, Hannah Arendt, oder noch abstrakter Sartre, Husserl, Beauvoir und (ein klitzekleines bisschen) Hegel. Auch in der intellektuellen Abstraktion steckt die große Feigheit. 
Und dann – diese junge, engagierte Deutsche, ehemals ukrainische Jüdin mit Fluchtgeschichte und der Last des transgenerationalen Traumas der Shoah im Gepäck, die sich hinstellt und Alles, was sie vermag, tut, um die Demokratie zu retten. Die sich schon mit 20 in der Politik engagierte, seit 10 Jahren ein Programm zur politisch, demokratischen Bildung von Kindern aufbaut und sagt: „Es kann sein, ist sogar wahrscheinlich, dass wir morgen verlieren, aber ich setze die Saat für übermorgen.“ 
Und was tue ich? Lesen, denken und jammern. Im Stillen. 
Das kann‘s nicht sein. 
Beweg dich, sage ich zu mir. Mach was! Nichts rechtfertigt, es nicht wenigstens zu versuchen!“ 
 

Eine sehr persönliche Perspektive brachte Chan ein: „Ich kann mir ein Leben ohne Demokratie nicht vorstellen. Wer wäre ich dann? Wie wenig von dem, was ich bin und was ich tue, könnte ich überhaupt noch sein? Mein Vater kommt aus einer Diktatur und weiß, was es bedeutet, jeden Tag Angst zu haben. Das möchte ich nicht erleben müssen.“  

Ein Aphorismus von Inge Kurz brachte es knapp auf den Punkt: „Mit Demokratie ist es wie mit Gesundheit: Man merkt sie erst, wenn sie nicht mehr da ist.“ 

Manche Beiträge waren so kurz wie prägnant: „VIELFALT! – Daniel“ 

Andere verbanden politisches Bekenntnis mit Engagement vor Ort: „Ich möchte dringend unsere Demokratie erhalten, weil ich kein anderes politisches System kenne, das den Einzelnen so viele Freiheiten gewährt, die tiefgreifenden Einfluss auf mein Leben, mein Denken, meine Gesundheit, mein Lebensumfeld … haben. Diese zu erhalten, dafür gehe ich als Oma gegen Rechts auf Darmstadts Straßen.“ 

Ein Akrostichon machte demokratische Werte auf kreative Weise sichtbar: „DEMOKRATIE: D_ankbar E_mpathie M_enschlichkeit O_ffenheit K_ulturelle Vielfalt R_espekt A_chtung T_eilhabe I_nklusion E_ntscheidung.“ Yvonne 

Und schließlich wurde ein politisch-philosophischer Mini-Essay von Gösta eingereicht: „Was Demokratie nun genau ist, weiß niemand so recht. Es gibt nicht die eine Antwort, denn sie wäre totalitär. Auch lässt sich Demokratie schwerlich auf politische Institutionen reduzieren. Das Ringen um die demokratische Lebensform ist zugleich eine urdemokratische Praxis: Demokratie bedeutet Streit – nicht um des Streits willen, sondern eingedenk der Vielfalt unserer Erfahrungen, Bedürfnisse und Interessen, die oftmals nur zu vorübergehenden Übereinkünften führen. Im Übrigen: wer ist eigentlich dieses Wir? Sind es Bürger*innen, Menschen oder auch nicht-menschliche Erdlinge? Demokratie bedeutet, um dieses Wir zu ringen, das in unterschiedlichen Handlungszusammenhängen eben unterschiedlich ausfällt. Ein „Wir“ im Singular wäre abwegig. Und wer dieses Ringen nicht mehr aushält, mache sich einmal ernsthaft Gedanken, welche Errungenschaften er damit zu opfern bereit ist.“ 

Wo liegen die Grenzen des Diskurses? 

Neben diesen Beiträgen erreichte uns ein einziger Text, den wir nicht veröffentlicht haben. Der Autor blieb vollständig anonym, formulierte pauschale, unbelegte Vorwürfe gegenüber Parteien des demokratischen Spektrums und imaginierte einen homogenen Willen des Volkes, der der Realität einer pluralen Demokratie nicht gerecht wird. Darüber hinaus enthielt der Beitrag explizite Werbung für die AfD und hätte unsere Plattform faktisch als Ort parteipolitischer Agitation in Anspruch nehmen wollen. Wir standen vor einer schwierigen Frage: Wie geht man demokratisch mit einem Beitrag um, der für eine in Teilen rechtsextremistisch eingestufte Partei wirbt und zugleich keinen offenen Dialog zulässt? 

Wir entschieden uns gegen ein kommentarloses Ignorieren. Wir haben dem Verfasser Gründe und (demokratische) Argumente genannt für unsere Entscheidung, seinen Beitrag nicht zu veröffentlichen. Darüber hinaus haben wir ihn zu einem Gespräch eingeladen, um mit uns offen zu diskutieren. Gleichzeitig machten wir deutlich, dass unsere Plattform keine Bühne für parteipolitische Werbung ist. Wir haben von ihm keine Reaktion mehr bekommen, die Einladung zum Gespräch hat er nie angenommen. 

Im Workshop im Rahmen des 7. Netzwerktreffen „Wissenschaftliches Arbeiten lehren und lernen“ am 5. Dezember 2025 wurde unsere Antwort auf diese Einsendung intensiv diskutiert. Wir wollten unseren Umgang mit diesem Beitrag bewusst beim Netzwerktreffen zur Diskussion stellen, um Anregungen für unsere weitere redaktionelle Arbeit im Rahmen der Aktion zu erhalten und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Positiv hervorgehoben wurde unsere klare Haltung gegenüber den antidemokratischen Inhalten. Gleichzeitig wurde unsere grundsätzliche Dialogbereitschaft und die transparente Begründung der Ablehnung gelobt. Kritisch angemerkt wurde, dass der Hinweis, keine Parteienwerbung zuzulassen, die AfD normalisieren könnte, indem sie auf eine Stufe mit anderen Parteien gestellt wird. Empfohlen wurde uns, redaktionelle Entscheidungen in solchen Fällen noch klarer auf institutionelle Leitlinien und das Grundgesetz zu beziehen. Diese Rückmeldungen nehmen wir ernst und berücksichtigen sie in unserer weiteren Arbeit. 

Diese Auseinandersetzung hat uns erneut gezeigt: Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Sie muss immer wieder neu verhandelt und verteidigt werden – auch im Kleinen. 

Demokratie schreiben 

Im zweiten Teil des Workshops wurden die Teilnehmer:innen selbst aktiv. In kurzen kreativen Formaten – Vierzeiler, Haiku oder Elfchen – reflektierten sie, was Demokratie für ihr eigenes Leben bedeutet. 

Mit einem exemplarischen Beitrag der Teilnehmerin Ruri Lee möchten wir diesen Text abschließen: 

1 Demokratie 
2 existiert nicht 
3 in einer Gesellschaft 
4 wo es Niemanden interessiert 
5 was dem anderen passieren kann 
1 Oder? 

Wir laden weiterhin alle ein, sich kreativ, kritisch und engagiert mit Demokratie auseinanderzusetzen und uns Texte zu schicken. Schreiben kann ein Anfang sein. Weitere Infos unter folgendem Link: https://www.owl.tu-darmstadt.de/tu_schreibcenter/kooperationen_1/standardseite_8.de.jsp


  1. Kurzbiografie Alexey Orlov 
    Alexey Orlov studierte Soziologie (B.A. und M.A.) an der Technischen Universität Darmstadt und promovierte dort von 2019 bis 2024 am Institut für Soziologie. Seine Dissertation mit dem Titel „Depression, eine Frage der Autonomie? Gender-, klassen- und rassismussensible Perspektiven auf das Phänomen Depression“ wurde 2025 erfolgreich verteidigt und erscheint demnächst im Springer Verlag. Derzeit arbeitet er als Schreibberater und Projektkoordinator im Projekt „Schreiben für bessere Chancen“ am SchreibCenter der TU Darmstadt. In seiner Arbeit verbindet er schreibdidaktische Praxis mit sozialwissenschaftlichen Perspektiven auf Bildung, Ungleichheit und Teilhabe, insbesondere im Feld der Schreibförderung von Studierenden nicht-akademischer Herkunft.
      ↩︎
  2. Kurzbiografie Vanessa Geuen 
    Vanessa Geuen ist seit 2016 Leiterin des SchreibCenters der Technischen Universität Darmstadt. Dort bietet sie Schreibberatung, Schreibcoaching und Schreibworkshops für Studierende, Promovierende und Postdocs an und bildet Schreibberater:innen aus. Sie unterrichtet schreibwissenschaftliche Themen in Lehramts- und Masterstudiengängen und in außercurricularen Workshops und Fortbildungen, darunter Grundlagen der Schreibwissenschaft; kreatives und (auto-)biografisches Schreiben und Journaling. Sie promovierte in Literaturwissenschaft mit einer interdisziplinären, kulturwissenschaftlichen Arbeit zu Kneipen, Bars und Clubs als literarische Heimat- und Identitätskonstruktionen. In ihrem ehrenamtlichen Projekt „Schreibheimat“ bietet sie außerhalb der Universität kreativ-biografische Workshops, Werkstätten und Gruppen an, in denen Schreiben und andere kreative Ausdrucksformen als Ressource für Reflexion, Selbstwirksamkeit und persönliche Entwicklung erprobt und weiterentwickelt werden.  ↩︎