Wissenschaft und Demokratie – ein Spannungsverhältnis

Auf dem Netzwerktreffen „Wissenschaftliches Arbeiten lehren und lernen“ am 5. Dezember 2025 wurde die Frage diskutiert, was das wissenschaftliche Arbeiten zur Demokratieförderung beitragen kann. Aus einigen der Vorträge sind im Nachgang Texte entstanden, die wir hier im Namen der Beitragenden veröffentlichen.


Wissenschaft und Demokratie – ein Spannungsverhältnis

von Markus Mersits1.

Wenn Wissenschafter:innen in öffentliche Debatten eintreten, bewegen sie sich in einem grundlegenden Spannungsfeld: Selbst sorgfältig erarbeitete, sachliche Argumente können politisch-ideologisch umgedeutet und vereinnahmt werden. Hinzu kommt, dass öffentliche Diskurse oft von unfairen Argumentationsstrategien geprägt sind, die intellektueller Redlichkeit kaum Raum lassen. Wissenschafter:innen sind daher gut beraten, sich aktiv und bewusst gegen parteipolitische Vereinnahmung zu wappnen und auch nicht einseitig aktivistisch für eine Sache zu lobbyieren. Dann lässt sich die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse gegenüber politischem „Bullshit“ besser verteidigen.

Autoritärer Szientismus?

Eine zentrale Komponente demokratischer Gesellschaften besteht in dem, was die Verfassungsrechtlerin Sophie Schönberger als „Zumutung des miteinander Redens“ bezeichnet, also der Bereitschaft, strittige Fragen im öffentlichen Diskurs auszuhandeln. In diesem Raum herrscht ein Ideal, das sowohl demokratiepolitisch als auch wissenschaftlich gleichermaßen von Bedeutung ist: Die besseren Argumente mögen gewinnen.

Wissenschaftliches Wissen ist ein mächtiges Werkzeug, um politische Entscheidungen zu fundieren. Ohne empirische Forschung wäre es beispielsweise undenkbar, bestimmte Substanzen als gesundheitsgefährdend einzustufen und in der Folge zu regulieren oder zu verbieten. Aber der Rückgriff auf „die Wissenschaft“ im kollektiven Singular birgt Risiken, da es die Wissenschaft als homogene Einheit nicht gibt. Aussagen wie „die Forschung hat gezeigt“ mögen im medialen Trubel dazu dienen, Argumenten Autorität und Gewicht zu verleihen. Tatsächlich ist das aber eine kurzsichtige Strategie. Denn auch in der breiten Öffentlichkeit ist den meisten bewusst, dass alle wissenschaftlichen Ergebnisse diskutiert, revidiert und bestritten werden können.

Der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Peter Strohschneider, hat diese Problematik auf den Punkt gebracht: Er warnt vor einem autoritären Szientismus, der wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in politische Imperative übersetzt und damit den demokratischen Aushandlungsprozess unterläuft. Die Debatten rund um die globale Erwärmung und die Maßnahmen zur Einhegung der Covid-19-Pandemie haben eindrücklich gezeigt, wie schnell eine solche Haltung Gegenreaktionen erzeugt.

Sein-Sollen-Fehlschluss

David Hume hat bereits im Jahr 1740 beschrieben, wie aus einer Beschreibung dessen, wie etwas ist, plötzlich und unbemerkt eine Forderung entsteht, wie etwas sein soll. Passiert das, hat sich ein Sein-Sollen-Fehlschluss in unser Denken eingeschlichen. Nur weil psychologische Erkenntnisse zeigen, wie Menschen manipuliert werden können, folgt daraus nicht, dass wir auch manipulieren sollen. Selbst wenn verbesserte technische Kenntnisse noch zerstörerische Atombomben möglich machen, folgt daraus nicht, dass man sie auch bauen und einsetzen soll. Usw. Das Grundprinzip ist simpel!

Auch im aktivistischen Eifer für „eine gute Sache“ ist dieser Punkt im Blick zu behalten. Die Verlockung, mit Pathos und moralischem Unterton den Mitmenschen zu sagen, was sie tun sollen, ist groß, aber als Wissenschafter:in ist das nicht der Weg, um zu überzeugen.

Außerdem ist wissenschaftliches Wissen partikular, es beleuchtet Ausschnitte der Wirklichkeit und kann auch daher nicht bruchlos in umfassende politische Handlungsanweisungen übersetzt werden. Gerade die Lücke zwischen Empirie, Evidenz und Normativität eröffnet jedoch einen Raum, in dem demokratische Deliberation erst möglich wird. Dabei bleibt das zu Beginn erwähnte Ideal des besseren Arguments jedoch oft auf der Strecke.

Radikal emotional

Der Soziologe Alexander Bogner betont in diesem Zusammenhang, dass es eine naive Annahme sei, politische Fragen seien ausschließlich Sachfragen, die sich rational lösen lassen. Können wir nicht tagtäglich bei politischen Diskussionen beobachten, was die Neurowissenschaftlerin Maren Urner in ihrem Buch „Radikal emotional“ entfaltet, dass sich nämlich Verstand und Gefühle nicht voneinander trennen lassen? Auch der berühmte Neurologe Antonio Damasio hat nachgewiesen, dass rationale Entscheidungsfindung ohne emotionale Beteiligung nicht funktioniert.

Diese enge Verzahnung von rational-kognitiven und emotionalen Prozessen kann in Lehrveranstaltungen bewusster in den Blick genommen werden. So können Studierende für die Dynamik öffentlicher Debatten vorbereitet werden, indem sie sich auch die Frage stellen, mit welchen Wertvorstellungen, Sitten und Gewohnheiten ihre Einsichten in Konflikt geraten könnten.

So evident es auch ist, dass übermäßig rotes Fleisch zu essen sowohl dem Herz-Kreislauf-System als auch der CO2-Bilanz schadet, tauschen nur wenige widerstandslos das Kalb- gegen ein Sellerieschnitzel aus.

Follow the Science

Manchmal entzündet sich die hitzige Diskussion, ob und wie stark die Politik ihre Agenda von Forschungsergebnissen leiten lassen soll, rund um den Slogan „Follow the Science“. Er lässt meiner Ansicht nach mindestens zwei Lesarten zu. In seiner „fundamentalistischen“ Form ist er eine direkte Aufforderung, wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar politisch umzusetzen. Doch in dieser Form ist er, wie oben dargelegt, abzulehnen. Er kann aber auch als Appell verstanden werden, wissenschaftliche Befunde bei politischen Entscheidungen ernsthaft zu berücksichtigen. In dieser Form tritt er bewusst gegen Tendenzen auf, die Daten und Belege zu neutralisieren versuchen, indem sie ignoriert, negiert oder gar bekämpft werden.

Wissenschaftliche Erkenntnisprozesse und demokratische Entscheidungsprozesse sind beide auf Redlichkeit, Offenheit und die gemeinsame Bereitschaft, sich der Wahrheit anzunähern, angewiesen.

Ethos, Redlichkeit und die Feinde des Diskurses

Karl Popper, sowohl Wissenschafts- als auch Demokratietheoretiker, hat die enge Verbindung von ethischen Prinzipien und wissenschaftlicher Erkenntnis betont. Kritische Rationalität, Wahrheitssuche und intellektuelle Redlichkeit bilden für ihn den Kern eines Wissenschaftsethos. Dazu kommen Toleranz, die Bereitschaft, vernünftige und sachliche Diskurse zu führen, und die Anerkennung jedes Menschen als gleichberechtigt, also liberale Grundwerte, die zu einer demokratischen Haltung gehören. Zentral war für ihn außerdem die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen dem Widerspruch auszusetzen und revidierbar zu halten.

Demgegenüber steht eine Praxis, die der Philosoph Harry Frankfurt als „Bullshit“ bezeichnet: eine Kommunikationsform, deren Kennzeichen nicht die Lüge, sondern die vollständige Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit ist. Bullshit-Produzenten sind, wie Frankfurt ausführt, nicht dem nötigen Bemühen um Wahrheit verpflichtet. Sie unterwerfen sich keinem Referenzrahmen der Realität, weil ihre eigenen Interessen der einzige Maßstab ihres Sprechens und Handelns sind. Diese Strategie mag zwar politisch äußerst effektiv sein, als wissenschaftliche wie demokratiepolitische Haltung ist sie destruktiv. Sie zerstört die gemeinsame Gesprächsgrundlage, auf der sowohl wissenschaftliche als auch demokratische Streitfragen ausgehandelt werden. Hannah Arendt hat bereits 1967 in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“ darauf hingewiesen, dass die systematische Verschiebung der Grenze zwischen Faktischem und Fiktivem eine der wirkungsvollsten Methoden ist, um politische Handlungsfähigkeit zu untergraben.

Konsequenzen für Wissenschaftskommunikation und Lehre

Aus diesen Überlegungen ergeben sich mögliche Forderungen. Erstens müssen Wissenschafter:innen den Sein-Sollen-Fehlschluss im Blick haben und klar zwischen wissenschaftlichen Befunden und normativen Empfehlungen unterscheiden. Tun sie das nicht, verfallen sie einem „Wissenschaftsaberglauben“, wie es der Philosoph Karl Jaspers genannt hat.

Zweitens empfiehlt sich eine intensivere Auseinandersetzung mit Wissenschaftskommunikation. In Lehrveranstaltungen kann einerseits geübt werden, Ergebnisse klar, verständlich und auch für Laien nachvollziehbar darzustellen. Andererseits können sich Studierende und Wissenschafter:innen auf die argumentativen Strategien vorbereiten, die den rationalen Diskurs bewusst untergraben. Das ist insofern wichtig, als Lüge, Bullshit, persönliche Angriffe und untergriffige Diffamierungen eine sachlich abgewogene Argumentation zunichte machen können.

Unfaires Argumentieren ist den akademischen Gepflogenheiten des Diskutierens insofern „überlegen“, da es sich an keine Regeln halten muss, auf schnelle emotionale Wirkung setzen oder Bullshit verbreiten kann, ohne Verantwortung für den Wahrheitsgehalt übernehmen zu müssen.

Sich gegen unfaire und diffamierende Rhetorik zur Wehr zu setzen, ist sowohl für Wissenschafter:innen als auch für Bürger:innen in einer Demokratie, die auf fortgesetztem Bemühen um Verständigung beruht, unerlässlich.

Arendt, H. (2016). Wahrheit und Lüge in der Politik: Zwei Essays (3. Auflage). Piper.

Bogner, A. (2023). Wie gehen wir mit Wissenschaftsskepsis um? In: C. Wendehorst, W. Baumjohann, & ÖAW (Hrsg.), Preisfrage: Fakt oder Fake: Wie gehen wir mit Wissenschaftsskepsis um?: Die drei besten Beiträge 2023 (S. 29–42). ÖAW. Online unter: https://www.oeaw.ac.at/fileadmin/NEWS/2023/pdf/AiD-FuG_3_INTERN.pdf

Damasio, A. R. (2018). Descartes’ Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn (H. Kober, Übers.; 9. Aufl). List

Frankfurt, H. G. (2019). Bullshit (M. Bischoff, Übers.; 2. Auflage). Suhrkamp.

Hume, D. (1978). Ein Traktat über die menschliche Natur: In 2 Bänden = (A Treatise of Human Nature). 2: Über die Affekte (R. Brandt, Hrsg.; T. Lipps, Übers.; (Buch 3)). Meiner.

Jaspers, K. (1999). Der Arzt im technischen Zeitalter: Technik und Medizin, Arzt und Patient, Kritik der Psychotherapie (2. Aufl). Piper.

Popper, K. (1981). Duldsamkeit und intellektuelle Verantwortlichkeit. Online unter: https://www.youtube.com/watch?v=yHN3dcNSfGA (03.02.2026)

Schönberger, S. (2023). Zumutung Demokratie: Ein Essay. C.H. Beck.

Strohschneider, P. (2024). Wahrheiten und Mehrheiten: Kritik des autoritären Szientismus (1. Auflage). C.H.Beck.

Urner, M. (2024). Radikal emotional: Wie Gefühle Politik machen. Droemer.


  1. Markus Mersits ist Philosoph und Philosophischer Praktiker. Er unterrichtet wissenschaftliches Arbeiten an verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen. ↩︎

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